echte Emotionen: schwarz-weiss-Foto eines dunkelhaarigen Mädchens, das ernst in die Camera sieht
Blog

Echte Emotionen in der Fotografie

Echte Emotionen in der Fotografie

Das Leben, wie es wirklich ist

Ein kleines Lächeln huscht kaum sichtbar über das Gesicht der Braut, die ihren Ehering betrachtet. Der Pianist beim Konzert, hochkonzentriert und vollkommen bei sich, die Augen geschlossen befindet er sich ganz in der Musik. Das lachende Kind, das voller Vertrauen und Freude in die Arme des Vaters springt. Oder das todkranke Mädchen in inniger Umarmung mit der großen Schwester, nur wenige Wochen vor seinem Tod. Echte Emotionen in ungestellten Situationen, ungeschönt und authentisch, öffnen ein kleines Fenster zur Seele der Menschen und können uns tief im Herzen berühren. Genau diese kurzen Augenblicke in einem Foto festzuhalten ist die größte Herausforderung in der Fotografie, bei der es sowohl an Technik als auch an Feingefühl, Geduld und einer entspannten Atmosphäre bedarf.

Ich bin nur dabei

Als Fotografin bin ich am liebsten nur dabei, beobachte und versuche, Emotionen einzufangen, also das Unsichtbare sichtbar zu machen. Geduldig warte ich im Hintergrund auf den richtigen Augenblick, um den Auslöser zu drücken. Gefühlsregungen sind nicht laut und immer sofort sichtbar, sie zeigen sich oft nur in kleinen Gesten, in der Mimik, in Blicken.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ besagt genau das, was ich zu erreichen versuche: ich möchte durch meine Fotos Geschichten erzählen, Menschen dadurch auf einer tieferen Ebene erreichen, ohne etwas zu sagen. Ich möchte ein Bild nicht beschreiben müssen, der Betrachter soll darin lesen können und es auf seine Weise interpretieren.

Frau mit geschlossenen Augen, sinnlich, in sich gekehrt

Echte Emotionen zulassen

Es wäre falsch, zu sagen, dass ich keine gestellten Fotos mag. Liebend gerne inszeniere und arrangiere ich Bilder, spiele mit Licht und Schatten, mit Kleidung und Verkleidung, mit Bewegung und Stillstand, mit Körpern und Mimik. Fotografie ist meine Leidenschaft. Was aber meine Liebe zur Fotografie vor allem ausmacht, sind echte Emotionen, echtes, spontanes Lachen oder auch Weinen, Erstaunen, Wut, Spannung, Konzentration, Interaktion voller Gefühle, verstohlene Blicke und kaum sichtbare Gesten. Derartige Bilder entstehen aber nur, wenn ich mit meiner Kamera in Vergessenheit gerate oder mir keinerlei Beachtung geschenkt wird. Wenn die zu fotografierenden Personen nicht ihr „Fotogesicht“ aufsetzen, den Schutzmantel vermeintlicher Heiterkeit. Wenn ich zur respektvollen Vertrauten werden darf und die Menschen sich in meiner Anwesenheit wohlfühlen und zeigen, wie sie wirklich sind. Dafür nehme ich mir bei jedem Shooting so viel Zeit wie nötig, meine Kunden ein wenig kennenzulernen und sorge außerdem für eine entspannte Atmosphäre, in der sie sich trauen, sich gehen zu lassen. Der Augenblick dauert, wenn überhaupt, nur Sekunden, die Erinnerung daran kann ein Leben lang abrufbar sein.

Tanz vor untergehender Sonne

Die Armee der bedeutungslosen Schnappschüsse

Bilder, die den Betrachter berühren, sind wohl eher nicht die der Freundinnen beim lustigen Junggesellinnenabschied, auf denen alle zusammen aufreizend in Richtung der Kamera strahlen. Aber vielleicht die der Braut in spe in den Armen der Freundin, auf dem Heimweg, in der U-Bahn, im Taxi. Die Hand, die eine Strähne zurück an ihren Platz streicht, ein liebevoller Blick, der von der Intimität zwischen beiden Frauen erzählt. Die Hand, die die andere hält. Denn oft hat ein Bild, das in solch einem stillen Moment entstanden ist, die Kraft, den Betrachter tief im Herzen zu berühren.

Wir leben in einer Zeit, in der Fotografien ständig und inflationär erstellt werden, es wird immer und überall fotografiert, gefilmt und posiert. Die Bilder werden sofort auf dem Smartphone bearbeitet, optimiert, Filter werden über natürliche Gesichter gelegt, wodurch sie maskengleich in Schönheit und Perfektionismus einander ähneln. Optisch tadellos, aber nichtssagend und ohne Botschaft. Eine Armee bedeutungsloser Schnappschüsse. Inszeniert, gestylt und ästhetisch schön berühren Fotos den Betrachter selten auf einer tieferen Ebene. Es fehlt ihm der Zugang zum Bild, nämlich die Emotionen, das Menschliche, das Verletzliche, das etwas in ihm auslöst und seinen Blick fesselt.

Emotionale Fotografie kann so viel mehr

Nicht nur Fotos von Menschen, auch die von Landschaften oder Städten können emotional geladen sein. Denken wir an verlassene, einsame Städte mit schwach flackernden Straßenlaternen im Nebelgrau, fröhliche, glitzernde Bäche im Sonnenschein oder ein welkendes Sonnenblumenfeld bei Regen im Spätherbst. Auch diese Motive können, richtig eingefangen, eine Seele besitzen, die uns in den Bann zieht und unsere Augen nicht von ihrem Abbild abwenden lässt.

Da echte Emotionen in der Fotografie Menschen berühren, werden sie zudem genutzt, um beispielsweise auf Missstände aufmerksam zu machen und die Menschen für bestimmte Themen zu sensibilisieren: ein alter Mann beim Pfandflaschensammeln, ein weinendes Kind im Kriegsgebiet, eine verzweifelte Frau im Rollstuhl vor einer Treppe, eine fassungslose Familie vor den Trümmern ihres Wohnhauses.

Fotografien, die emotionale Inhalte transportieren, haben, anders als inszenierte und optisch makellose Bilder, die Fähigkeit, mit dem Betrachter auf einer sehr persönlichen Ebene zu interagieren. Sie können berühren, Erinnerungen hervorrufen, Empathie und Nostalgie oder positive Emotionen wecken. Ich möchte mit meiner Arbeit Menschen zum Nachdenken bewegen und eine Stütze der individuellen Erinnerungen sein, die nicht nur auf dem optisch ansprechenden Abbild einer Situation fußen.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert